6. Süd-Tor, oberster Architrav, Innenseite

04.07.2018

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Abb. 15, Süd-Tor, Innenseite, oberster Architrav (dieses Motiv gehört auf der Innenseite!)

Abb. 16, Süd-Tor, Innenseite, oberster Architrav, zentrales Motiv

Wie John Marshall dargestellt hat, ist dieses Bild fälschlicherweise auf der Frontseite des südlichen Tores angebracht. Es gehört auf der Rückseite des Tores. 

Eine paradiesische Landschaft erscheint uns. Wir sehen Pflanzen, Blumen, Stängel, Vögel und in der Mitte erkennen wir eine aufrechte Gestalt. Es ist eine Frauengestalt, die von einer Lotusblumenschale getragen ist und ihr zur Rechten und zur Linken stehen zwei Elefanten, die ebenso von Lotusblütenschalen gehalten sind. Die Elefanten heben ihre Rüssel über die mittlere Gestalt. Was bedeutet dieses Motiv?

Wenn wir die Tore auf der Frontseite anschauen, entdecken wir dieses Motiv auf allen Toren! Am schönsten und am deutlichsten erscheint es auf dem linken Pfeiler des Ost-Tores zwischen den obersten Architraven.

Die Frauengestalt ist hier auf einem Lotuskelch (siehe Abb. 17, Detailbild) sitzend und die Elefanten halten Gefässe mit ihren Rüsseln, sie lassen Wasser über die Frauengestalt fliessen.

                              Abb. 17, Ost-Tor, Pfeiler, links-oben, Front-Ansicht.

Das Übergiessen mit Wasser ist ein Ritual, eine Zeremonie, die z.B. beim Verleihen der königlichen Würde ausgeführt wurde[xiii]. Durch diese Handlung wurde der König zu einem glorreich göttlichen Herrscher[xiv].

Unser Bild spielt sich eindeutig in einer mythologischen Sphäre ab. Wir haben es mit einer Göttin zu tun, die in der Hinduistischen und Buddhistischen Ikonographie weit verbreitet ist. Mit den beiden Elefanten (Gaya), die Symbole repräsentieren für Stärke und Kraft, ist die Frauengestalt die Gaya-Lakshmi, die Göttin die Fülle und Reichtum der Natur verkörpert und den Menschen Fruchtbarkeit und Wohlergehen bringt[xv].

Erinnern wir uns an die Geschichte Malwas. Dieses Land, in dem Sanchi beheimatet war, wurde «ein Teil der Wohnung der Lakshmi» genannt. Diese volksnahe Göttin des Landes erscheint an allen Toren und bewirkt durch ihre blosse Gegenwart eine segnende Wirkung über alle ihre Landesteile.


Hier folgen alle Bilder der Gaya-Lakshmi, wie sie auf den Pfeilern der Tore (auf der Frontseite) erscheinen!  

                                    Abb. 17a, Ost-Tor, Pfeiler rechts, Frontansicht

                                    Abb. 18, Nord-Tor, Pfeiler links, Frontansicht

                                     Abb. 19, Nord-Tor, Pfeiler links, Frontansicht

                                     Abb. 21, Süd-Tor, Pfeiler rechts, Frontansicht

                                      Abb. 22, West-Tor, Pfeiler links, Frontansicht


Verwirrende Bildinterpretationen

Wer die Orientierungstafel beim Nord-Tor auf die Darstellungen der Gayalakshmi hin prüft, findet fünf Bezeichnungen mit «Birth» gekennzeichnet. Schaut man sich diese Bilder (Abb. 18 - 20) an, so handelt es sich nicht um die Mutter von Buddha, sondern um Gaya-Lakshmi. Wie kam es dazu?

Abb. 23, Orientierungstafel vor dem Nord-Tor, beachten Sie die hell-umrandeten Zeichen mit der Bezeichnung "Birth"


In seinem Buch bezeichnet John Marshall diese Motive als Bilder der Geburt (der Architrav am Südtor (S. 47), wie auch die entsprechenden Bilder des Nord-Tores (S. 41 - 42))[xi].

Wie aber wird die Schilderung der Geburt des Prinzen Siddhartas (später der Buddha) in der Legende wiedergeben?[xvi].

Die Mutter (Maya) begibt sich kurz vor der Geburt in den Lumbini-Hain. Hier steht sie in aufrechter Stellung, streckt ihren rechten Arm aus und ergreift einen Zweig. Dann wird ihr Sohn (Siddharta) aus der rechten Seite ihres Körper geboren. Nach der Geburt erheben sich über den Neugeborenen die zwei Schlangenkönige (Nanda und Upananda, die Nagas) und lassen warme und kalte Wasserströme über den Neugeborenen fliessen.

John Marshall folgt mit seiner Interpretation den Ansichten eines früheren Forschers, M. Foucher. Fouchor sieht wohl, dass die Frauengestalt auf der Lotusblüte der Göttin Lakshmi entspricht, meint aber dennoch, dass diese Frauengestalt die Mutter Maya darstellen muss. Von den zwei Elefanten zur rechten und linken Seite der Frauengestalt sagt Marshall, dass es die zwei Schlangen-Gottheiten sind, die hier in der Form von Elefanten erscheinen und fügt hinzu, dass die Elefanten, statt über den Neugeborenen, über die Mutter Maya Wasser giessen. Es ist seltsam, wie dieses Bild so konsequent entstellt und lange kaum korrigiert wurde, denn wer sich die Bilder unvoreingenommen anschaut, wird schwerlich an der Geburtsszene der Legende erinnert sein.

 J. Marshall schildert weiter, dass die Geburt auch durch blosse Lotusblüten dargestellt sein kann.[xi] (Nord-Tor, Rückseite) 

Als ich die Bilder sah, war ich überzeugt, dass statt der Mutter Buddhas die Göttin Lakshmi dargestellt sein musste und es sich nicht um die Geburtsszene handelte[xviii]. Das Zeichen der Lakshmi ist ein göttliches Zeichen und ihre blosse Präsenz als Relief wird auf das Volk eine segnende Kraft ausgeübt haben. Aus diesem Grunde, meine ich, wurde dieses Relief an allen Toren abgebildet.

Hundert Jahre nach den Veröffentlichungen von John Marshall haben Indische Wissenschaftler die Interpretation von M. Fouchor fallen gelassen[xix]. Aber vor dem Nordtor stehen für alle Touristen sichtbar noch immer die alten Fehlinterpretationen.

Hier möchte ich eine persönliche Bemerkung hinzufügen. Im Jahr 1972 fand ich in der damaligen DDR ein Buch über die Buddhistische Kunst[xx]. Viele Bauwerke und Skulpturen Buddhistischer Kunst sind in diesem Buch abgebildet. Auch von Sanchi findet man schöne Bilder. In dem Begleittext sind Grafiken der Tore aufgezeichnet, auf denen alle Bilddarstellungen bezeichnet wurden.

Als ich nun Sanchi selber besucht hatte, bemerkte ich, dass in diesem Buch das Bild des West-Tores (Innenseite) seitenverkehrt abgedruckt war (Bild 56), auch wurden die Bezeichnungen zweier Grafiken vertauscht (Figur 18/ 19 mit Figur 22/ 23) und einzelne Darstellungen nicht korrekt bezeichnet.

Ich füge diese Bemerkung hinzu um aufzuzeigen, wie sogar Wissenschafter und Forscher immer wieder Fehler unterlaufen sind. Es kommt einem so vor als ob Besucher, Wissenschafter und Forscher von der Kultstätte Sanchis beständig Täuschungen ausgesetzt sind. Auch habe ich den Eindruck, dass viele Interpretationen einer Europäischen Denkungsart entstammen. Dass zum Beispiel das Leben Buddhas durch Darstellungen der zwei irdischen Eckpunkte "Geburt" und "Tod" wiedergegeben sein muss, scheint mir eine konstruierte Spekulation. 



[xi] A Guide to Sanchi, Sir John Marshall, Calcutta, superintendent government printing, India, 1918, S.41-42, S. 47

[xiii] The Concise Oxford Dictionary, 1964, p. 276 

[xiv] Aitareya Brahmana, I. 13-15

[xv] "Women as goddes in Indian art", Granthaalayah, Vol. 4, No. 3 (2016): 205-208

[xvi] «Buddha und seine Lehre», Hermann Beckh, Verlag freies Geistesleben, Stuttgart, 1958 (H. Beckh entnimmt die Geschichte des werdenden Buddha aus dem Lalitavistara)   

[xviii] Wer sich über diese Ansicht ein eigenes Urteil bilden will, soll in Google unter Bilder "Gajalakshmi" schreiben und schauen welche Bilder zu sehen sind.

[xix] Buddhist Landscapes in Central India: Sanchi Hill and Archaeologies of Religious and Social Change, c. Third Century BC to fifth Century AD by Julia Shaw, published 2016 by Routledge, NY, USA 

Und das Buch:

"Sanchi», Madhukar Keshav Dhavalikar, Oxford University Press, 2003, mit dem Hinweis: Süd-Tor oben - nicht Maya, sondern Gaya-Lakshmi.

[xx] "Buddhistische Kunst Indiens", Heinrich Gerhard Franz, VEB E.A.Seemann - Buch- und Kunstverlag, Leipzig 1965; herausgegeben von Prof. Dr. Heinz Mode, Martin-Luther-Universität, Halle, Mitglied der Asiatic Society of Bengal.


English version:

South Gateway, upper architrav at the inside

( Figures: Abb.15, Abb.16 and Abb. 16a)

A paradisiacal landscape appears. We see plants, flowers, stalks, birds and in the middle we see an upright figure. It is a female figure, carried by a lotus flower bloom, and to her right and left side are two elephants, also held by lotus flower blooms. The elephants raise their trunk over the middle figure. What does this motive mean?

If we look at the gates on the front, we discover this motif on all gates! It looks most beautiful and clearest on the left pillar of the east gateway between the top architraves.

The female figure is sitting here on a lotus bloom (see detail picture) and the elephants hold vessels with their trunks, they let water flow over the female figure.

Fig. Abb.17 east gate, left pillar, front, between the top architraves

Pouring with water is a ritual, a ceremony which takes place when for instance the king becames the royal dignity. By doing so, the king became a gloriously divine ruler.

Our image is clearly in a mythological sphere. We are dealing with a goddess that is widely used in Hindu and Buddhist iconography. With the two elephants (Gaya) representing symbols of strength and power, the female figure is Gaya-Lakshmi, the goddess who embodies the abundance and richness of nature and brings fertility and well-being to people.

Let us remember the story of Malva. This land was called "part of the Lakshmi's dwelling." This popular goddess of the land appears at all gates and, through her mere presence, causes a blessing on all men over the country.

(Here are all pictures of the Gaya-Lakshmi as they appear on the pillars of the gates (on the front side) You can see this pictures up!

(Figures: Abb. 18 - 22)

Confusing picture interpretations

If you check the orientation panel at the North Gate for the images of Gayalakshmi, you will find five times the name «Birth». Looking at these pictures (Figs. 18-20), it is not the mother of Buddha, but Gaya-Lakshmi. How did this error happen?

Fig. Abb. 23 board with graphics in front of the North Gate, the names "Birth"

In his book, John Marshall called these motifs as images of birth (the architrave at the South Gate (47), as well as the corresponding images of the North Gate (P. 41 - 42)) . What is the description of the birth of Prince Siddhartas (later the Buddha) in the legend?

The mother (Maya) goes before birth in the Lumbini grove. Here she stands in an upright position, reaching out her right arm and grasping a branch. Then her son (Siddharta) is born from the right side of her body. After birth, rise up above the newborn, the two kingsnakes (Nanda and Upananda, the Nagas) and hot and cold water let they flow over the newborn.

John Marshall's interpretation follows the views of a former researcher, M. Foucher. Foucher sees well the female figure on the lotus flower corresponds with the goddess Lakshmi, but still means that this female figure must represent the mother Maya. Of the two elephants to the right and left side of the female figure Marshall says that there are two Snake deities that appear here in the form of elephants and he adds the elephants are pouring water over the mother instead of pouring water over the newborn. It's strange how this was so consistently distorted and long hardly corrected.

J. Marshall goes on to say that birth may also be represented by mere lotus flowers.

When I saw the pictures, I was convinced that instead of the Buddha's mother, the goddess Lakshmi was represented and it was not a birth scene. The sign of Lakshmi is a divine sign, and its mere presence at the relief will have exerted a blessing on the people. I mean, this is the reason why this relief was depicted at all gates.

One hundred years after the publications of John Marshall, Indian scientists have dropped the interpretation of M. Foucher. But in front of the North Gate are still visible to all tourists the old misinterpretations.

Here I would like to add a personal comment. In 1972, I found a book about Buddhist art in the former GDR. Many buildings and sculptures of Buddhist art are depicted in this book. Also from Sanchi you can find nice pictures. In the accompanying text graphics of the gateways are recorded, on which all image representations were designated.

When I had now visited Sanchi itself, I noticed the image of the west gate (inside) (Figure 56) was printed the wrong way in this book, the names of two graphics were swapped (Figure 18/19 with Figure 22/23) and individual representations are not labeled correctly.

I add this remark to show how even scientists and researchers have repeatedly made mistakes. It seems as if visitors, scientists and researchers from the place of worship Sanchis are constantly exposed to deception. Also, I have the impression that many interpretations come from a European way of thinking. For example the life of Buddha must be represented by representations of the two earthly cornerstones of "birth" and "death" seems to me a constructed speculation.