5. Lag den Bildwerken ein Gesamtkonzept zugrunde?

05.07.2018

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Irgendwo las ich, dass die Bilddarstellungen an den Toren Sanchis gespendet wurden. Spender gab es wirklich, dass ist unbestritten und belegt, aber dass Spender auch Bildmotiven bestimmten, scheint mir hingegen eine unhaltbare Spekulation des heutigen Denkens. Ich bin der Überzeugung, dass dem Gesamtwerk von Sanchi ein übergeordnetes Konzept zugrunde lag und ich meine, dass dieses Konzept in der Anordnung der Bilder gesucht werden muss, dass untersucht werden muss, ob Bilder an die Frontseite, an die Rückseite, ob sie auf die Architraven oder auf die Pfeilern der Tore angebracht sind, wobei beachtet werden muss um welches Tor (Nord, Süd, Ost, West) es sich dabei jeweils handelt.

Eine Eigentümlichkeit der Sanchi-Ikonographie ist die Tatsache, dass der Buddha nie figürlich dargestellt wird. Für ihn steht immer ein Zeichen. Es kann das Rad, der Stupa, ein Baum oder ein anderes Zeichen sein, aber seine Gestalt sieht man nirgends. Buddha ist in der Indischen Mythologie die Bezeichnung für einen Menschen, der das Entwicklungsideal, das höchste Ziel des Menschen erreichte. Der historische Buddha war zunächst Prinz Siddharta, der im königlichen Schloss des Königs Suddhodana in Kapilavastu aufwuchs, dem die Königswürde und die Pracht des Lebens entsagte und sich entschloss als einfacher Bettelmönch durch das Leben zu gehen um das höchste Ziel des Menschen zu erreichen. Die Legende seines Lebens ist zu umfassend um hier auch nur ein Teil davon wiedergeben zu wollen und ich werde in meinen Ausführungen nur gewisse Szenen schildern, wenn sie für das Verständnis der Bilder notwendig sind.

Das Bildmotiv des obersten Architraves an der Frontseite

Das Bildmotiv, das auf dem obersten Architrav des Nord-Tores (Frontseite) dargestellt ist, eschien mir bedeutend. Denn geht man zum Ost-Tor, so erscheint dieses Motiv an genau derselben Stelle. Auch am West-Tor findet man es wieder, wenn auch leicht abgewandelt. Aber auf dem Süd-Tor fand ich ein anderes Motiv. Ich empfand darin einen Widerspruch und erinnerte mIch spontan an die Fotos, die ich im Museum von Sanchi gesehen hatte. Es waren Fotos aus der Entdeckungszeit, die einen sehr desolaten Zustand dieses heute so schön restaurierten Bauwerkes zeigten. Das Gemäuer lag am Boden, Pflanzen wuchsen aus dem Stupa-Hügel und zum Teil waren auch die Tore in ihren Teilen auseinandergefallen zu Boden gestürzt. Ich sagte mir, dass eine Studie der Bilder nur dann einen Sinn hat, wenn mit Sicherheit gesagt werden kann, dass die Bauteile der Tore authentisch restauriert sind. Ich informierte mich bei dem Archaeological Survey von Bhopal und bekam zur Antwort, dass ich am Besten zwei Bücher über diesen Bau lesen sollte. Ich war erstaunt, dass mir ein jahrhundert altes Buch von Sir John Marshall, «Guide to Sanchi», empfohlen wurde (1918 veröffentlicht). Als Archäologe verbrachte John Marshall an die zwanzig Jahre in Sanchi und hat eine ansehnliche Studie des Bauwerkes geschrieben. Das Buch wurde für mich in vielerlei Hinsicht aufschlussreich, vorallem löste es die bange Frage nach der Authentizität. Denn John Marshall beschreibt, dass das südliche Tor 1882 bis 1883 von Major Cole wieder aufgebaut wurde und versehentlich sowohl der oberste als auch der unterste Architrav seitenverkehrt angebracht wurden[i]

John Marshall beschreibt auch, dass sich bei Untersuchungen ergeben hat, dass das Süd-Tor das Ursprüngliche ist und als erstes errichtet wurde, dann folgten das Nord-Tor, darauf das Ost-Tor und zuletzt das West-Tor.[ii]

Für das Süd-Tor ist also die Vorderseite des obersten Architravs die Rückseite und die Rückseite zeigt wiederum dasselbe Motiv wie die der anderen Tore. Für mich war dieser Hinweis ermutigend, jetzt wusste ich, dass die Pforten miteinander im Einklang standen und konzeptionell gestaltet waren: dem Überragende, dem Höchsten an den Toren, lag ein und dasselbe Motiv zugrunde, das in allen Himmelsrichtungen zeigte.

Wer den Sanchi Stupa besucht, findet vor dem Nord-Tor einen Hinweistafel mit einer Graphik (siehe Abbildung links), es stehen darauf Deutungen der dargestellten Bilder des Nordtores. Hier steht für das Bild auf dem obersten Architrav: "Stupas & trees of Manushi Buddhas" («Stupas und Bäume der Manushi Buddhas»). Was bedeuten die «Manushi Buddhas»?

Es gibt viele Quellen zu diesem Thema, sie stammen aus alten Schriften Buddhistischer Schulen. Eine Aussage haben sie gemeinsam, dass es vor dem historischen Buddha bereits Buddhas gegeben hat. Das heisst: wie einst der Prinz Siddharta zum erleuchteten Buddha wurde, so gab es vor ihm bereits Menschen, die die Stufe der Erleuchtung erreichten. Diese werden die Manushi Buddhas, dh. die «menschlichen» Buddhas genannt.

In Sanchi wurden die Manushi Buddhas, wie der Buddha selbst, nie in menschlicher Gestalt abgebildet. Immer war der Buddha durch ein Symbol repräsentiert und so erscheinen auf dem obersten Architrav statt menschlichen Gestalten sieben Symbole: Stupas und Bäume.Das Bild des Stupas habe ichoben umschrieben als das Bild des höchstentwickelten Menschen.

Abb. 10, Orientierungstafel beim Nord-Tor
Abb. 10, Orientierungstafel beim Nord-Tor

Was bedeuten hier die Bäume? In verschiedenen Deutungsversuchen wird die Analogie gelegt zu dem Baum, unter welchem der Buddha zur Erleuchtung kam und dann wurde spekuliert, dass es vorangehenden Buddhas wohl ähnlich ergangen sei. Wenn wir uns aber die Baumgestalten anschauen, so sind diese ganz nah den Stupa-Gebilden: halb-kugelförmige Baumkronen sind sie. Ich fühle mich diesen Baumkronen näher, wenn ich sie als vom Leben durchdrungene Stupa-Gebilde auffasse, als wenn ich sie in Analogie zur Erleuchtungsszene setze. Der Stupa ist das vom Menschenhand geschaffene Urbild des Buddhas, der Baum ist das Natur-Urbild des Buddhas oder: die Bäume werden Dir die allgegenwärtige Kraft des Buddhas zuflüstern.

Hier folgen die Bilder dieser Motive:

Abb. 11, Nord-Tor

Abb. 12, Ost-Tor

Abb. 13, West-Tor

Abb. 14, Süd-Tor


[i] A Guide to Sanchi, Sir John Marshall, Calcutta, superintendent government printing, India, 1918

S. 46 - 47

[ii] Dito, S. 37


English version:

Was the sculptures based on an overall concept?

Somewhere I read that the sculptur-carvings of the gates of Sanchi were donated. Donors really existed, that is undisputed and proven, but if donors also determined pictorial motives seems to me to be an unsustainable speculation of today's thinking. I am convinced that the artwork of Sanchi was based on an overall concept and I think you can find this concept by looking for the arrangement of the images, we have to examine whether images are at the front, at the back side, if they are on the architraves or on the pillars of the gates and we have to consider too which gate it is (north, south, east, west). I will come back to this subject in a second work.

A peculiarity of the Sanchi iconography is the fact that the Buddha is never depicted figuratively. There is always a sign for him. It can be the wheel, the stupa, a tree, or some other signs, but its figur can not be seen anywhere. Buddha is in Indian mythology the name of a person who reached the ideal of development, the highest goal of man. The historical Buddha was first Prince Siddharta, who grew up in the royal palace of King Suddhodana in Kapilavastu, renounced the royal dignity and the splendor of life and decided to go through life as a simple mendicant to achieve the highest goal of man. The legend of his life is too comprehensive to reproduce even a part of it and I will only describe certain scenes in my remarks, if they are necessary for the understanding of the pictures.

The motif of the top architrave (Front side).

The picture motif on the top architrave of the North Gate (front) seemed significant to me. If you go to the East Gate, this motif appears at exactly the same place. Also at the West Gate you will find it again, albeit slightly modified. But on the south gate I found another motive. I found this contradictory and spontaneously remembered the photos I had seen at the Sanchi Museum. There were photos from the discovery, showing a very desolate state of this today so beautifully restored building. The walls lay on the ground, plants grew out of the stupa hill and partly the gates had fallen apart to the ground. I thought, a study of the pictures would only make sense if it can be said with certainty that the components of the gates have been authentically restored. I contacted the Archaeological Survey at Bhopal and got the answer that it would be the best if I read two books about this building. I was amazed that a century-old book by Sir John Marshall, Guide to Sanchi, was recommended (published in 1918). This archaeologist, John Marshall, spent about twenty years in Sanchi and has written a handsome study of the structure. This book solved the anxious question of authenticity, for John Marshall describes that the southern gate was rebuilt 1882-1883 by Major Cole and accidentally the top and the bottom architrave were reversed attached.

John Marshall also states that investigations have shown that the South Gate is the original and was first to be erected, followed by the North Gate, then the East Gate and then the West Gate.

The front of the top architrave of the south gateway is the back and the back shows the same motif as the other gates! For me, this hint was encouraging; now I knew that the gates were in line and conceptually designed: the towering, the highest at the gates, was based on one and the same motive, pointing in all directions.

If you visit the Sanchi Stupa, you will find a metal panel with a graphic in front of the North Gate, showing interpretations of the pictures of the North Gate. Here you read for the picture on the top architrave: "Stupas & trees of Manushi Buddhas". What do the "Manushi Buddhas" mean?

There are many sources on this topic, they come from ancient scriptures of Buddhist schools. One thing they have in common: Buddhas have already existed before the historical Buddha. In the way the prince Siddharta once became the enlightened Buddha, there were already people before him who reached the stage of enlightenment. For this reason the Manushi Buddhas means the "human" Buddhas.

In Sanchi, the Manushi Buddhas, like the Buddha himself, were never depicted in human form. The Buddha has always been represented by a symbol and so on the top architrave instead of human figures appear seven symbols: stupas and trees. I have described the image of the stupa above as the image of the most highly developed human being.

( Fig. Abb. 10 Orientation board at the north gate, up)

What do the trees mean here? One say, in analogy to the tree under which the Buddha came to enlightenment, the previous Buddhas probably also attain the enlightenment under a tree. But if we look at the tree figures, they are very close to the stupa figures: they are semi-spherical treetops. I feel closer to these treetops when I think of them as a life-penetrated stupa, as if I were setting them in analogy to the Enlightenment scene. The stupa is the man-made archetype of the Buddha, the tree is the natural prototype of the Buddha or: the trees will whisper to you the omnipresent power of the Buddha.

If you show up in the German text, you find the figures of the four architraves (fig. Abb. 11, Abb. 12, Abb. 13 and Abb. 14)